Gemeinde Mhlhausen

Seitenbereiche

Jahreszeit
wechseln:

OT Rettigheim

Geschichte Rettigheim

Brunnen
Brunnen
Ortsdurchfahrt
Ortsdurchfahrt

Der Ortsteil Rettigheim der Gemeinde Mühlhausen ist aufgrund seines geschichtlichen Ursprungs, seiner Entwicklung im Mittelalter und seines Namens zweifellos eine ursprünglich fränkische Siedlung. Es liegen einige Funde aus der Jungsteinzeit (um 2000 v. Chr.) vor, die aber noch keine dauerhafte Besiedlung sicherstellen. Auch die Römer und Alemannen haben Spuren in Mühlhausen und Östringen hinterlassen. 

Richtig sesshaft wurden erst die Franken, die sich ab dem 6./7. Jahrhundert auch im Kraichgau niederließen. Da die Franken Bauern waren, entwickelten und betrieben sie Viehzucht und Landwirtschaft. Sie bevorzugten die Kalkmulden und fruchtbaren Talzonen für ihre Niederlassungen, die sie zu Dörfern und Weilern ausbauten. 

Noch heute befinden sich unsere Dörfer rund um den Letzenberg, soweit sie auf fränkischen Ursprung zurückgehen, dort, wo sie vor über 1200 Jahren angelegt worden sind. Das Frankenreich zerfiel in zahlreiche „Gaue“, die nach und nach eigene Verwaltungs- und Gerichtsbezirke wurden, in denen ein verlässliches (Lehens-)Recht galt und dem ein Gaugraf vorstand.

Erste urkundliche Erwähnung

Die neu errichtete Siedlung im Tal, durch die heute wie damals der „Mansbach“ fließt, wurde vermutlich der Sippe eines Mannes namens „Radin“, „Rading“ oder „Radinc“ zugewiesen, denn der erste urkundlich nachweisbare Name des Ortes „Radincheim“ bedeutet nichts anderes als „Heim (bzw. Stätte) des Radin(c).“ 

Bei der ersten urkundlichen Erwähnung von Rettigheim erfahren wir, dass am 25. Mai 788 ein Franke namens Zotolt („zum Heil seiner Seele“) dem Reichskloster Lorsch (bei Heppenheim an der Bergstrasse) zum immerwährenden Besitz ein Feld und ein Bifang (ein gerodetes Stück Land) schenkte. Das erwähnte Kloster wurde seit seiner Gründung (um 764) immer wieder mit solchen Schenkungen bedacht. Sämtliche Stiftungen, die auf Urkunden niedergeschrieben waren, wurden später in ein Buchverzeichnis übernommen, das den Namen „Codes Laureshamensis“ erhielt.

Rettigheim ist seit seiner Frühzeit in diesem Lorscher Codex siebenmal erwähnt. Darin sind immer nur die Männer genannt (z. b. Wolfbert, Humbert, Juncman, Manigold). Wir müssen noch die Frauen, Kinder und evtl. Verwandte hinzurechnen. So sehen wir, dass die Ursprungssiedlung zwar klein war, aber bereits ab dem 8. Jahrhundert eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung nahm.

Geschrieben wurde damals ausschließlich an den Fürstenhöfen und in den Schreibstuben der Klöster. Und die Schreiber haben das niedergeschrieben, was sie diktiert bekamen. So haben wir über viele Jahrhunderte verschiedene Schreibweisen des Orts-namens. Hier ein paar Beispiele in chronologischer Rei-henfolge: Radincheim, Ratinchheim, Retincheim, Redickeim, Redecken, Redtigheim, Redigheimb und Rödigheim. Ab ca. 1720 hat sich dann die Schreibweise „Rettigheim“ allgemein durchgesetzt und wurde beibehalten.

Die letzte Urkunde über Besitzverhältnisse in Rettigheim stammt vom 1. April 825. Danach schweigen die schriftlichen Zeugnisse für fast drei Jahrhunderte. Vermutlich ging in späteren Kriegswirren (im Kraichgau besonders häufig), einiges an Dokumenten verloren. So hören wir erst wieder etwas aus dem Jahre 1161: Kaiser Friedrich Barbarossa aus dem Geschlecht der Staufer, lässt in Lodi (bei Mailand), eine Urkunde ausstellen, in der dem deutschen Kloster Wigoldesberg (später hatte das Kloster den Namen des Ortes, bei dem es lag: Odenheim) Besitz-rechte und Güter, unter anderem in „Rethencheim“, bestätigt wurden. Rettigheim in seiner Gesamtheit (mit den Leibeigenen, dem Grund und Boden) gehörte zu dieser Zeit also dem Kloster Odenheim.
 

Vom 11. bis ins 16. Jahhundert

Die Lorscher Besitzungen blieben vermutlich bis ins 11./12. Jahrhundert bestehen. Einige (wenn nicht sogar alle) gingen (z. B. durch Kauf, Schenkung, Verpfändung) an das Grafenhaus derer von Lauffen (Ort bei Heilbronn) über. Seit dieser Zeit nämlich, ist vom Kloster Lorsch in Urkunden über Rettigheim keine Rede mehr. Bischof Bruno von Lauffen (Erzbischof von Trier von 1102 bis 1124), übergab dem von ihm und seinem Bruder im Jahre 1122 gegründeten und gestifteten Kloster Wigoldesberg auch seinen gesamten Besitz in Rettigheim, der dann 1161 schriftlich bestätigt wurde.

Das Grafenhaus Lauffen hatte die Vogteirechte (weltliche Gerichtsbarkeit) über alle Orte, die dem Kloster unterstanden. Nachdem das Grafenhaus aus-gestorben war, ging 1219 das Vogteirecht für kurze Zeit an Kaiser Friedrich II. über. Um 1330 hatte der Adelige Albrecht von Münzesheim für kurze Zeit an ihn verpfändete Rechte auf der Gemarkung Rettigheim. Anfang des Jahres 1338 ging die „hohe Gerichtsbarkeit“ an den Speyerer Bischof Gerhard über. „Redenkeim“ selbst blieb aber weiterhin im Besitz des Klosters Odenheim, während sämtliche Nachbarorte bereits dem Bischof  gehörten.

Zu dieser Zeit musste die „Kleine Zehntabgabe“ an die Kellerei im Schloss Rotenberg abgeliefert werden. Im 15. Jahrhundert hatte dann auch das Allerheiligenstift zu Speyer Besitzungen und abgabepflichtige Einnahmen in „Reddicken.“ Um 1450 ist uns erstmals ein Name eines Schultheißen überliefert: Hensel Götzel. Auch als 1494 das Benediktinerkloster Odenheim von Papst Alexander in ein weltlich-freiadeliges Ritterstift (das später seinen Sitz nach Bruchsal verlegte) umgewandelt wurde, war der Ort noch immer in dessen Besitz. 

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren in vielen Teilen des Reiches die Bauern unter anderem wegen den hohen Zinsabgaben unzufrieden und ihr Protest gegenüber der Obrigkeit gipfelte im sog. „Bauernkrieg“, der am 19. April 1525 auch die Letzen-berggemeinden erreichte. An diesen Tag versammelten sich über 600 Bauern der Umgebung in Malsch und später auf dem Letzen-berg, wo sie sich verschanzten. Sie brachen den bischöflichen Zehntkeller in Malsch auf und plünderten ihn aus.

Zwar hielt die Bauernschaft den anrückenden pfälzischen Landsknechten Stand, aber wenig später wurde Malsch dennoch in Schutt und Asche gelegt. Die Rettigheimer Bauern waren auch unter den Aufständischen, da im folgenden Unterwerfungsvertrag zwei Bürger für Rettigheim (Hans Leer und Wendel Schneyder) schwören mussten.

Ein wichtiges Datum für Rettigheim ist der 8. Januar 1546. An diesem Tag wurde die Ortsherrschaft (mit allen Höfen, Liegenschaften und Leibeigenen) von den Chorherren in Bruchsal an den Adeligen Konrad von Helmstadt für 2.300 Gulden verkauft. Aus dieser Urkunde geht auch hervor, dass sich damals schon ein Kelterhaus außerhalb des damaligen Ortsetters befunden hatte. Somit wurde schon Weinbau auf der Gemarkung betrieben. Konrad von Helmstadt nahm seinen neuen Besitz nicht in Anspruch, sondern verkaufte den Ort sofort an den Bischof von Speyer weiter. Fortan mussten die Zehntabgaben an die fürst-bischöflich-speyerische Amtskellerei Kislau (zwischen Mingolsheim und Kronau) abgeliefert werden. 

Kriege und die Auswirkungen

Große Not brachte der Dreißigjährige Krieg. Die Soldaten Tillys (katholische Liga) und Mansfelds (protestantische Union) zogen auch durch Rettigheim und hinterließen Not, Tod und Verderben. Das  lässt sich an der zurückgehenden Ein-wohnerzahl deutlich ablesen. Bei einer Zählung 1644 lebten nur noch sieben Männer mit ihren Familien im Ort. Zu Beginn des Krieges waren es noch 100 Einwohner.

Die damals wütende Pest tat ein übriges zur Dezimierung der Bevölkerung. Erst ab 1652 ist wieder eine Steigerung zu beobachten (78 Einwohner). Auch der pfälzische Erfolgekrieg ab 1688 hinterließ seine Spuren im Hochstift Speyer, zu dem Rettigheim ja gehörte. Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen war 1689 mit dem Fall und der Zerstörung von Heidelberg und seinem Schloss.

Nach den Eroberungskriegen durch Napoleon und seiner Neugestaltung der europäischen Länder, kam Rettigheim 1803 an das Großherzogtum Baden mit Sitz in Karlsruhe. Das bisherige geistliche Fürstentum Speyer wurde aufgehoben und konnte wenig später nur noch als katholisches Bistum Speyer weiterbestehen (jedoch nur linksrheinisch).

1832 wurden nach einer Verwaltungsreform in Baden erstmals Gemeinderäte und Bürgermeister gewählt. Rettigheim hatte sich bereits 1784 in der Ortmitte ein neues Rat- und Wachthaus gebaut, dessen erster Stock in Fachwerk ausgeführt wurde. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind nur noch wenige Fachwerkhäuser erhalten (Rotenberger Strasse).

Die Renovation der alten Scheune hinter der Kirche (um 1550 erbaut und durch die Initiative des Heimatvereins Rettigheim  wiederhergestellt), steht unmittelbar vor ihrem Abschluss.Ein altes Gerichtssiegel von 1746 führt bereits ein aus einem Herzen hervorwachsendes dreiblättriges Kleeblatt als Zeichen. Ein grünes Kleeblatt auf weißem Grund stellt heute noch das Ortswappens dar. 

Kirche, Schule und mehr

Der Ort war kirchlich bis 1870 eine Filialgemeinde von Malsch. Über viele Jahrhunderte mussten die Gläubigen zum Gottesdienst in die Mutterkirche, obwohl bereits spätestens seit dem Spätmittelalter eine kleine Kapelle in der Ortsmitte bezeugt ist, die anfangs vermutlich dem Apostel Jakobus d. Ä. geweiht war. 

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ist nur noch der heilige Bischof Nikolaus als Patron genannt, dem auch die heutige Kirche geweiht ist. Seit 1730 durften die Verstorbenen auf dem Kirchhof rund um die Kapelle bestattet werden. 1823/24 wurde die Kapelle abgetragen und durch eine neue geräumige Kirche im spätklassizistischen Stil ersetzt. Baumeister war der Weinbrennerschüler Johann Ferdinand Thierry. 

Nachdem 1869 ein Pfarrhaus errichtet wurde, konnte ab 1870 der erste Ortspfarrer die neue Pfarrei übernehmen. 1952/53 wurde die Kirche um ein Querhaus mit Chorraum erweitert. Die heutige moderne Gestaltung ist auf die Renovation 1992/94 zurück zuführen. Seit 2009 führt der Jakobsweg Rothenburg o.d.T. nach Speyer an der Kirche vorbei. 

Ursprünglich war Rettigheim rein landwirtschaftlich geprägt. Bis ins 18. Jahrhundert war der Weinanbau eine der wichtigsten Ertragsquellen. Seit 1870 kam die Tabakverarbeitung als Einnahmequelle auf. Über viele Jahrhunderte waren die wichtigsten Handwerksberufe hier ansässig: Küfer, Weber, Schmied, Schneider, Schreiner und Schuhmacher. 

Bis 1720 war die Schule in Malsch auch für Rettigheim zuständig. Danach ist ein eigener Schulmeister nachweisbar. 1809 baute man eine neue Volksschule, die 1965 dem neuen Gebäude der heutigen Volksbank für das Angelbachtal weichen musste. Dafür entstand 1966 in der Gartenstrasse ein neues Schulhaus, das heute die Grundschule beherbergt. 

Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert überstand der Ort ohne nennenswerte Folgen. Natürlich gab es auch Gefallene und Vermisste zu beklagen. Durch den Zuzug vieler Heimatvertriebener, wuchs die Bevölkerung auf 1.200 im Jahr 1950. Neues Bauland wurde auf dem Hahnenberg unterhalb des Sportplatzes und rund um die Wiesen- und Gartenstrasse erschlossen. 

Das Gesicht des ursprünglichen Straßendorfes, dessen Mittelpunkt die Ortsmitte rund um die Kirche und das 1995 eingeweihte Gemeindehaus St. Nikolaus ist, veränderte sich nachhaltig. Damals wie heute bilden die Rotenberger-, die Östringer- und die Malscher Straße die Hauptverkehrsstraßen des Ortsteils, der sich in den letzten Jahren auch in Richtung Malsch rund um den Kurpfalzring erneut ausgedehnt hat.

Seit dem 01.01.1972 ist Rettigheim nun ein Ortsteil der Gesamtgemeinde Mühlhausen, der auch der Ortsteil Tairnbach angehört.

(R. Werner)